Erinnerungen

Der Quartier-Hauptstrasse entlang, an der Bäckerei vorbei und auch an der ehemaligen Post, bis zur Querstrasse, an der die beste Freundin der Bäckerstochter gewohnt hatte. Ob sie noch befreundet sind? Ich bog rechts ein, ging dem Zaun der kleinen Ponyweide nach, bog in den Weg ein, der zum Schulhaus führt, vorbei an einem verliebten Teenager-Paar und dachte an früher. Plötzlich waren soviele Erinnerungen da.

Wie mir der böse Roger K. hier eine geklebt hatte, als ich neu ins Quartier zog und eine freche Röhre hatte; und wie ich ganz unverfroren an sein Schienbein getreten hatte daraufhin, und wie die Mädels kicherten, wenn der hübsche Daniel W. in der Nähe war. Jahre später hatte er versucht mich zu küssen, wie alle Mädchen aus dem Quartier, etwa hundert Meter von hier, und ich hatte ihn gebissen, weil ich nicht soweit war, geküsst zu werden. Ich erinnerte mich kurz an Lehrer, Mitschüler, Freundinnen von Mitschülerinnen aus Parallel-Klassen und die grossen Skater-Jungs aus der Mittelstufe. Später waren einige von ihnen meine Freunde geworden. Wir rauchten und einige tranken auf dem Schulhausplatz, genau dort, wo der gedeckte Fahrradabstell für die Lehrer war, sassen wir immer und langweilten uns die Seele aus der Lunge. Fetzen von Gesprächen hallten in meinem Kopf wieder. Gesichter lachten, die meisten waren längst aus meinem Leben verschwunden.

Mein Handy läutete. Meine Freundin aus Kindertagen kam mir entgegen. Es dämmerte langsam. Ihr Kind schlief endlich. Wo treffen wir uns? fragte sie. Auf dem Schulhausplatz beim Graffity, du weisst schon welches, sagte ich verschwörerisch und sie wusste genau welches, denn dieses Graffitiy barg eines unserer ältesten Geheimnisse.

Frühjahrsfrust, zartgrün

Es war früher Frühling, ja vielleicht noch fast später Winter. Die Sonne zeigte sich zwar bereits am Himmel, doch sie schien noch zu schwach um auch nur ein einziges Blättchen oder Stängelchen aus der Erde zu locken.

All das viele Grün, das sich erst in ein paar Tagen und Wochen zeigen würde, war bereit in Verstecken in der Erde und in den Ästen und Wurzeln der Bäume. Doch wie gesagt, es war noch sehr früher Frühling, und alles war noch ein wenig grau und fahl draussen in der Natur.

Ein kleines Grün, wohl das ungeduldigste unter all den Grüns dieser Erde, beendete gerade seinen Winterschlummer im Geäst eines Weidenkätzchenbaumes. Es regte sich und streckte sich, und sobald es ganz wach war, wollte es hinaus in die weite Welt. Es wollte sich den Menschen und Tieren und vor allem der lieben Sonne zeigen. Man sollte es bewundern und sich zu ihm beugen. Könnte es nur raus aus diesem Baum, in dem es steckte. Wie ein kleiner Wicht zappelte es, und polterte gegen seine natürlichen Grenzen: die Jahreszeit und die Innenwand des Baumstammes.

Bald ärgerte es die Weidenkätzchen, dass diese endlich werden sollten und gleich darauf die Blätter, dass die endlich anfangen zu treiben müssten. Es stritt mit allen Fasern, denn es war sehr ungeduldig und wollte endlich die Sonne sehen. Raus will ich, raus! In die weite Welt hinaus und an das Tageslicht! Das Grün wurde nervös und nervöser und es begann zu wüten und vor sich hin zu toben. Es fühlte sich nicht ernst genommen und kämpfte gegen die Tatsache, dass es noch zu früh war im Jahr um sich zu zeigen. Es begann verzweifelt mit seinem Schicksal zu hadern. Vielleicht mag mich die Sonne gar nicht sehen in diesem Jahr? Und vielleicht sogar nie wieder? Wie jedes Jahr zappelte das Grün voller Ängste und Befürchtungen im Innern des Weidenkätzchenbaumes vor sich hin. Vielleicht wird sie mich heuer nicht begrüssen? Sicherlich liebt mich die Sonne nicht mehr.

Das Grün fühlte sich verunsichert und damit immer einsamer und unglücklicher. Es versetzte der Innenwand des Baumstammes einen heftigen Tritt, dann setzte sich es sich trotzig und sehr traurig hin. Es war alleine und verlassen in diesem riesigen, einsamen, hohlen Baum. Das arme Grün weinte lange vor sich hin und mit all den Tränen wurde es blass und blasser, so dass es beinahe zu verbleichen drohte.

Draussen ging tagelang Regen nieder. Die Sonne versteckte sich hinter dicken Wolken, und die Menschen fingen auch an zu schimpfen. Wann kommen endlich der Frühling und sein Grün? Und währenddessen litt das kleine Grün im Weidenkätchzchenbaum und dachte selbstmitleidig, es würde bald ungesehen sterben.

Endlich, endlich kam dann der Frühling näher, es wurde wärmer und mit der Sonne wuchsen die Knospen an den Bäumen, die ersten Blumen sprossen aus dem Boden wie eine ganze Sippe vieler, vieler liebenswerter kleiner Grüns, die die Welt erobern wollten.

Und eines frühen Morgens, als unser Lieblingsgrün immer noch im Baume sass und schon ein wenig lebhafter an seiner Frühlingsdepression rotzte und ihr endlich kräftig und kräftiger trotzte, da wuchsen auch ein paar Weidenkätzchen am feinsten Geäst des Baums. Das Grün spürte die Sonne nach ihm rufen. Es wurde sofort lebhafter und es jauchzte und tanzte vor Glück. Jetzt durfte es endlich raus! Es streckte sich seinem geliebten Sonnenlicht entgegen und wuchs an ihm in die Höhe, in den weiten Himmel hinaus. Die Sonne küsste das Grün willkommen und auch die Menschen freuten sich über die Farbenpracht des Frühlings.

jetzt

jetzt wäre ich inspiriert zum Schreiben.

aber morgen früh werde ich in meinen neuen Bürojob eingearbeitet.

keine Zeit zum texten.

schade.

von der Sinnlosigkeit, einen Schmetterling lieben zu wollen

es ist sinnlos dich zu lieben

du bist zu sehr getrieben

vom wunsch zu fliehen

und von blume zu blume ziehen

ich werd nicht versuchen dich zu binden

nie dich am andern Ende wieder finden

es ist unnötig dich zu halten

du wirst dich anderswo entfalten

vom Wunsch selbst zu fliegen

und dich nicht zu verbiegen

werd ich nicht mit dir gehen

dich nie zum bleiben anflehen

Louis

Kein Schnee lag draussen, doch es war bitterkalt und der eisige Wind zog wütend durch alle Ritzen, so dass er die Fensterläden hatte schliessen müssen um den Temperaturen in seiner Wohnung einigermassen Herr zu werden. Doch der Wind fegte mit solcher Wucht, dass die Läden klapperten und immer wieder heftig gegen die Fensterrähmen schlugen. Er nahm noch einen Schluck des Weins, den er gestern gleich jenseits der Grenze in Spanien gekauft hatte. Libellule sah ihn bettelnd an. D’accord ma cherie, on y va. sagte er seufzend und stand langsam auf. Sein Kopf drehte ein wenig und wie immer hielt er sich am Tisch fest um nicht zu stürzen. Die alte Libellule, seine treue Begleiterin, wedelte mit dem Schwanz und wie er behutsam Fuss vor Fuss setzte, folgte ihm das Tier zur Türe seiner Wohnung.  Sie bellte so gut wie nie, die Brave, doch sie hatte Hunger und musste raus. Und so herrschte ausser dem Brausen des Windes Ruhe im Haus wie auf einem verlassenen Friedhof.

Er brauchte eine Weile, bis er den Schlüssel ins Schloss bekam und er brach die Stille fluchend und mit lallender Stimme. Merde, il fait trop froid. Aber es waren nicht nur die Kälte und seine klammen Finger, die ihm Mühe machten. Wäre er ehrlich zu sich selber, so würde er sich eingestehen, dass nicht die strenge Bise,  und auch nicht die fehlende Brille, sondern der viele Wein, daran schuld waren, dass er so lange brauchte, um die Wohnung hinter sich wieder abzuschliessen. Er hielt sich an dem alten Eichenholz-Geländer fest und ging mühsam Schritt um Schritt den einen Stock hinunter ins Parterre.

Wäre er nicht so betrunken gewesen, dann hätte er sich wie am ersten Tag ehrfürchtig in diesem wunderschönen, alten Haus umgesehen, das er jetzt seit knapp zwei Jahren sein eigen nennen konnte. Wäre es wärmer gewesen, Sommer vielleicht, so wären längst Gäste hier und er hätte sich zusammen reissen müssen. Seine Hospitalière, die junge Schweizerin wäre am PC gesessen und hätte ihre Zimmerstunde damit verbracht, mit ihren Freundinnen zu Hause zu kommunizieren. Tu bavardes encore? hätte er gefragt. Ein flüchtiger Gedanke galt dem Computer-Spezialisten, der bald vorbei kommen musste, um für den Frühling alles herzurichten. Die Pilger, seine Gäste, mochten es, dass die Herberge Internetanschluss bot. Sicherlich gab es viele neue Updates zu installieren und der Virenschutz hätte längst erneuert werden sollen. Für eine Weile hatte sie das alles für ihn erledigt, seine Hospitalière. 

Er sah sich im Empfangsraum um. Es war dunkel, noch dunkler als es im Sommer war und da war keine Hospitaliere, die Lichter anzündete, und die Putzfrau hatte längst die leuchtend gelbe Decke und das samtige Kissen weggeräumt. Die Hospitalière hatte diese Dinge damals auf das Sofa gelegt und regelmässig gewaschen um den Raum etwas zu erhellen. Er ging wehmütig und schwankend durch den langen Korridor an der Küche vorbei in den Aufenthaltsraum.  Dann drehte er sich nochmals um, stolperte über die Schwelle in die Küche und zündete sich zitternd eine Zigarette an, dann griff er nach der grossen Plastikflasche, die offen dort stand, und nahm einen kräfigen Schluck Wein. Das Zittern liess nach, der Wein beruhigte ihn und liess ihn weniger frieren. Libellule, der Hund, den er die wahre Chefin des Hauses nannte, la vraie patronne de la maison, stand am andern Ende des Korridors im Aufenthaltsraum und sah ihn geduldig an. Er nahm noch einen Schluck von der Flasche und einen weiteren. Dann torkelte er zu seinem Hund. J’arrive Libellule, ma belle, ma petite, lallte er und ging achtlos an dem Bild vorbei, das in einer Staffelei hinter der grossen, antiken Kommode stand und öffnete die schwere Glastüre hinten im Raum, so dass Libellule raus gehen konnte. Im Sommer würde sie selbständig lange Spaziergänge machen und sich durch die Touristenrestaurant-Resten fressen, doch es schien, als ob sie ihn im Winter nicht alleine lassen konnte.

Er trat nach draussen. Hier war es noch eisiger als im Haus und er spürte den Wind um seine Ohren und durch seine viel zu dünne Jacke ziehen. Er blickte an sich herunter. Er sah nicht, wie ausgemagert er war und auch nicht die Weinflecken auf seiner Jeans. Eine Weile starrte er auf seine Turnschuhe, die ein namenloser Pilger hatte liegen lassen. Dann ging er wieder ins Haus und stellte sich mühsam vor den grossen Schrank mit den vergessenen Dingen. Sicherlich fand er hier einen warmen Pullover. Die Hospitalière hatte vor ihrer Abreise alles schön aufgeräumt und nach Grösse sortiert. Ihm passte jede Grösse, und er griff nach einer schwarzen Wolljacke, streifte sie über und dann fiel sein Blick auf das Bild. Une Lumière, cette fille.  sagte er zu Libellule, die jetzt wieder vor seinen Füssen stand und ihn fixierte. Sie hatte Libellule gemocht, die Hospitalière. Und sie hatte das dreckige Viech geduscht, entlaust und die Möbelbezüge desinfiziert, genau so, wie sie die vielen Löcher in den vielen Leintüchern zu stopfen begonnen hatte, Bücher nach Sprachen sortiert und alle Dinge an einen neuen Ort geräumt hatte, den sie passender fand als den alten. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Er strich über das Bild: ein sommerlicher Teich, eine Mitternachtsstimmung wie an einem milden Abend. Sie war schon vier Monate weg und in ihrem Brief stand, sie würde nicht zurück kehren. Damals hatte sie an den Lichtern und Schatten lange gefeilt und er hatte ihr oft gesagt: La Lumiere qui est dans ton coeur va te montrer oû mettre le claire. - Das Licht, das in deinem Herzen ist, wird dir zeigen, wo du Helligkeit hinmalen musst. Vor seinem inneren Auge stiegen sonnige Tage auf, ihr unsicheres Lächeln, wenn sie seine Worte nicht sofort verstand und wie sie getanzt hatten, an dem Abend, als der junge Violonist und der bärtige Ire miteinander spontan und unvorbereitet musizierten. Er hatte in ihre Augen gesehen und sie zu sich gezogen, ihre Wangen geküsst und war einfach nur glücklich gewesen. Bis um Mitternacht und länger hatte das Violinen- und Gitarrenkonzert gedauert, und als alle Pilger längst in ihren Betten lagen, putzte die Hospitalière den Aufenthaltsraum, wusch alles Geschirr ab, von Hand und mit kaltem Wasser, weil nichts funktionierte im Haus und der Küchenspezialist die einheimischen Kunden bevorzugte. Er sass daneben und rauchte, wischte ein wenig über den Tisch und dann deckten sie gemeinsam das Frühstück für den nächsten Morgen. Er war längst betrunken gewesen, aber nicht so schlimm wie jetzt.

Seine Gedanken trugen ihn zu vielen Abenden, die sie zusammen verbracht hatten, und so oft spielte jemand Gitarre, wenn die Gäste sangen und tanzten oder angeregt in vielen Sprachen miteinander kommunizierten. Die Hospitalière plauderte mit oder rannte von einem Stock auf den nächsten um neuen Pilgern ihre Betten zu zeigen. Groupe un, rief sie jeweils, wenn viele Gruppen gleichzeitig eingetroffen waren, und wenn sie keiner verstand, wiederholte sie das in allen Sprachen, die ihr einfielen. Und am Abend, wenn sie alle in ihren Betten lagen, die Pilger, und der Tisch gedeckt war und die Küche sauber, und die Zahlen berechnet und notiert, dann sass er meist an seinem Schreibtisch im Empfangsraum und las in der Bibel und sie sass daneben und hämmerte in die Tasten des Computers. Ein Schatten ging über sein Gesicht, als er sich vor seinem Schreibtisch wiederfand und er sich erinnerte, wie sie ihn eindringlichst aufgefordert hatte, die Dokumente aufzuräumen, die wild durcheinander auf der teuren Holzplatte lagen, so wie jetzt wieder. Er hatte geschimpft. Tu m’ énerves! Arrête de m’ emmerder!  hatte er gerufen und sie hatten beide laut gelacht, obwohl die Pilger schlafen sollten. Und irgendwann stand er dann auf und ging auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände, bedankte sich für den Tag und die viele Arbeit und küsste seine Hospitalière auf die Stirn. Dann zog er sich zurück in seine Wohnung im ersten Stock und sah lange fern, bis er sie viel später die Lichter alle löschen und die Treppe hochsteigen hörte, in den zweiten Stock, wo ihr Zimmer war. Eine Träne floss über seine Wange. Er wischte sie nicht weg, doch er fühlte die eisige Nässe in seinem Gesicht.

Immer noch fegte eisig kalter Wind durch das Haus. Die Vordertüre war wie immer nur halb geschlossen, so dass etwaige verlorene Seelen, die Winterpilger auf der Suche nach einer Unterkunft den Weg zu ihm finden würden. Das letzte Mal war einer vor fast drei Wochen hier gewesen. Und dann fiel ihm ein, dass die Hintertüre noch offen war. Libellule sass auf dem Sofa, das keinen gelben Überzug mehr hatte und blickte ihn mit ihren treuen Augen an, traurig und ein wenig müde vom Leben. Sie war alt und sie würde es nicht mehr lange machen. Ma vieille, ma puce, sagte er, on a oublié la porte. 

Wieder ging er durch den langen Gang, und das Tier folgte ihm und wieder gab er sich einen grossen Schluck Wein in der Küche und sah, dass die Zigarette im Aschenbecher nicht mehr brannte. Er zündete sich eine neue an, und schlurfte langsam zur gläsernen Hintertür, schloss sie mühsam zu. Sie war schwer, und er war schwach geworden, und immer schwächer seit er soviel trank, doch er wischte den Gedanken weg. Dann zwang er sich, das Bild nicht noch einmal anzusehen, das die Hospitalière gemalt und dagelassen hatte, und ging er wieder in den Empfangsraum, stieg mühsam die Treppe hoch, zurück in seine Wohnung, und Libellule folgte ihm, ganz wie immer, und ganz so, als ob sie noch ein junger Hund wäre, mit all der Energie die sie im stolzen Hundealter von siebzehn Jahren manchmal besass. Der Schlüssel wollte wieder nicht ins Schloss. Er fluchte, und die Türe sprang dann doch auf. In seiner Wohnung herrschte pures Chaos, aber es war wärmer als im Rest des Hauses. Noch immer stand da der Eimer Wäsche, den sie für ihn gebügelt hatte. Er sparte die schönen Kleider für später. Sie fehlte ihm. Sie fehlte ihm so sehr, dass er sich noch einmal umdrehte, die Flasche Wein aus der Wohnung in der Hand, und dann die Treppe hoch stieg in den zweiten Stock. Das Zimmer der Hospitalière war das schönste im Haus. Es war eingerichtet für jemanden, der eine Weile bleiben wollte, und aufgeräumt, weil sie es so verlassen hatte und er seither niemanden dort hatte schlafen lassen. Er wusste, dass in den Schubladen noch ein paar ihrer Kleider lagen, und Libellule legte sich unter den kleinen Schreibtisch, wie sie es immer so gerne tat.

Es schien ihm, als hörte er Musik spielen, ihre Lieblingslieder trällerten in seinem Ohr und vermischten sich mit andern Liedern in seinem Kopf, mit vielen alten Erinnerungen. Da waren Bilder seiner Kinder, seiner Exfrau, da war Paris, die Oper, seine Chorfreunde und Geschwister, seine Mutter, und er selbst, ein junger aufstrebender Mann im Anzug, der versprach einst ein ganz Grosser zu werden. Für den Bruchteil einer Sekunde waren da Glück und Libellules Gebell, das fast ertrank im fröhlichen Kinderlachen. Doch sein Schmerz, der zuerst nur eine sanfte Melancholie gewesen war, kam sofort wieder und wurde unterträglich. Sie hatte ihn verlassen, die Hospitalière, genau so wie ihn seine Frau verlassen hatte, und seine tote Mutter und wie es der alte Hund Libellule bald tun würde. Er hielt es nicht aus, im Zimmer der Hospitalière zu bleiben. Etwas zu hastig, etwas zu eilig ging er aus ihrem Zimmer, liess die Türe offen stehen und als er an der Treppe ankam, stolperte er über die Schwelle. Er stürzte vornüber und sein schwacher Körper überschlug sich mehrmals. Sein Kopf prallte an das Treppengeländer und sein Genick brach,  fast noch bevor er die Weinflasche loslassen konnte.

Die arme Libellule blieb eine Weile neben ihm sitzen, stupste den leblosen Körper mit der Nase an, und dann ging sie mit der Ergebenheit eines Hundes und hungrig nach unten, durch die offene Vordertüre in die kleine Gasse hinaus, die im Sommer immer so voll war mit Touristen und Pilgern und Einheimischen, und setzte sich vor die geschlossene Pizzeria nebenan und bellte so lange bis der Wirt besorgt und verschlafen herauskam und seinen besten Kunden Louis schliesslich im Treppenhaus fand. Er informierte die Familie in Paris, die wenigen Freunde im Ort und rief nach einigem Zögern auch die ehemalige Hospitalière in der Schweiz an. Nach der Beerdigung nahm sie Libellule mit zu sich. Das das arme Tier starb wenige Monate später an Altersschwäche.

ich wetz mir die Krallen für die Zukunft

 

ich warte auf Dinge, die nicht geschehen

oder noch viel Zeit brauchen.

am liebsten würde ich meine Uhr mit einem Hammer zertrümmern,

damit sie mir nicht anzeigt,

dass ich die Zeit totschlage,

die doch so wertvoll wäre.

ich hoffe auf bessere Zeiten.

dabei geht es mir gar nicht so schlecht.

es ist bisweilen nur sehr langweilig in meinem Leben,

aber meine Fingernägel werden mir nachwachsen.